Thomas Richter 56177

Beim Ausbau der Erneuerbaren liegt China vorne


Die Installation von Ökostrom-Anlagen schreitet weltweit weiter voran. Doch nicht überall im gleichen Tempo. Verbände warnen: Die europäischen Ausbauziele sind zu gering und könnten dazu führen, dass Europa seine ehemalige Vorreiterposition endgültig einbüßt.

2016 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, an dem in vielen Regionen der Welt zum ersten Mal Solarstrom die preisgünstigste Energie war, so James Watson, Geschäftsführer des europäischen Solarverbandes. Der Ausbau der Photovoltaik geht weltweit weiter in riesigen Schritten voran. Schätzungen des Industrieverbandes SolarpowerEurope zufolge hat der globale Solarmarkt 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent zugelegt, von 51,2 Gigawatt auf nun 76,1 Gigawatt. Einsamer Spitzenreiter: China. Fast die Hälfte des solaren Wachstums entfällt auf die Volksrepublik. Die Plätze zwei und drei belegen mit je 19 und 11 Prozent Zuwachs die USA und Japan. Auch Indien investiert weiter große Summen in Solarstrom.

Ganz anders stellt sich die Situation in Europa dar: In der Europäischen Union brach der Markt für Solarstrom-Anlagen um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein. Das liegt insbesondere am starken Rückgang des deutschen und des britischen Marktes. Deutschland, das Mutterland des Erneuerbare-Booms, ausgelöst durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), hat inzwischen aus Furcht vor steigenden Energiepreisen mit der Novelle des EEG sogar den maximalen Ausbau der Solarenergie begrenzt. Dabei sei die Solartechnik längst kein Kostentreiber mehr, meint der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) . Jedes zusätzlich installierte Gigawatt Photovoltaik wirke sich nach BSW-Berechnungen auf den Strompreis nur noch mit 0,015 Cent je Kilowattstunde aus. Durch die gleichzeitige Verdrängung fossiler Energie mit hohen Klimafolgekosten sei die Gesamtbilanz eindeutig positiv.

Zweistelliges Wachstum bei der Windenergie

Zwar konnte der Ausbau der Windkraft kein solches Rekordjahr wie 2015 verzeichnen, dennoch ist die weltweit installierte Windkraft auch im vergangenen Jahr weiter zweistellig gewachsen.
Hier hat China die EU bereits 2015 überholt und dieser Trend setzt sich fort: Mit mehr als 23.000 Megawatt entfallen laut Global Wind Energy Council (GWEC). Jedes dritte Windrad auf der Welt steht damit in China – insgesamt Anlagen mit einer Nennleistung von 169 Gigawatt. Die USA kommen auf 82 Gigawatt und Deutschland, das in der EU das Länderranking weiter anführt, auf 50 Gigawatt.

 

Verbände fordern Bekenntnis zu den Erneuerbaren

Der Europäische Windverband appelliert an die EU, sich endlich klar zu den Erneuerbaren zu bekennen. Bislang hat sich die Union lediglich das Ziel gesetzt, im Jahr 2030 mindestens 27 Prozent Erneuerbare Energien am europäischen Endenergieverbrauch zu erreichen – ein extrem unambitioniertes Ziel, meint der Bundesverband Erneuerbare Energien, das auch sämtlichen Klimaschutzzielen zuwider laufe. Dass es keine verbindlichen Maßnahmen gibt, wenn Mitgliedstaaten die Vorgaben nicht erfüllen, weicht es noch mehr auf.

Zum jetzigen Zeitpunkt haben nur sechs der 28 EU-Mitgliedstaaten klare Verpflichtungen und Politiken für den Ausbau der erneuerbare Energien nach 2020.

In Deutschland wächst der Anteil der erneuerbaren Energien nur sehr langsam. Einer Steigerung im Stromsektor steht ein erheblicher Rückgang im Verkehrssektor und fast Stagnation im Wärmesektor gegenüber. 2016 sind die CO2-Emissionen wieder gestiegen.
Das stelle nicht nur für den Klimaschutz ein Problem dar, meinen die Verbände, sondern ist in Anbetracht der Konkurrenz aus China und den USA auch wirtschaftspolitisch nicht besonders klug.

Eine echte Energiewende macht unabhängiger von Importen

Beispiel Ukraine: Das Land versucht gerade sehr massiv seine Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu verringern und zwar mit einem Programm zum Ausbau der erneuerbaren Energien und zur Steigerung der Energieeffizienz. Die Investitionen in Gebäudesanierungen oder in Kraftwärmekopplung mit Bioenergien haben erhebliche Wirkung gezeigt. Mit diesen und weiteren Maßnahmen konnte die Ukraine seit 2014 die Erdgaslieferungen aus Russland von 14,5 Milliarden Kubikmetern auf 6,1 Milliarden Kubikmetern reduzieren.
Ganz anders Deutschland: 2016 hat die Bundesrepublik mit rund 50 Milliarden Kubikmetern Erdgas die Einfuhren aus Russland gegenüber 2015 um etwa zehn Milliarden Kubikmetern erheblich gesteigert. Die angepeilte Diversifizierung ist ausgeblieben.

 

Bildquellen: Thomas Richter, Ming Chen, Viktor Kiryanov