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Bürgerbeteiligung durch Crowdinvesting: der Schlüssel zur Energiewende?

Am 12. Dezember 2015 einigten sich Deutschland und 196 weitere Vertragsparteien im Rahmen des Pariser Klimaabkommens darauf, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, um den Risiken und Auswirkungen des Klimawandels vorzubeugen. Gelingen kann dies nur durch eine entsprechend zügige weltweite Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase. Durch erneuerbare Energien wurden laut Umweltbundesamt im Jahr 2019 bereits rund 203 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente hierzulande vermieden. Neben den Bereichen Wärme und Verkehr verdrängen Wind- und Solarenergie die fossilen Energieträger insbesondere im Stromsektor. Dass der Ausbau der erneuerbaren Energien einen entscheidenden Beitrag zur Erreichung der deutschen Klimaschutzziele leisten kann und muss, ist mithin unstrittig.

Bundesregierung im Rückwärtsgang

Für umso mehr Unverständnis sorgt die seit Jahren andauernde Torpedierung einer raschen Energiewende durch die Bundesregierung. Aufgrund diverser Änderungen des EEG zugunsten großer Stromkonzerne gingen allein innerhalb der Solarindustrie von einst 110.000 Arbeitsplätzen über 70.000 verloren. Im Bereich der Windenergie sank die Zahl der Beschäftigten in den letzten Jahren von 160.000 auf etwa 112.000 – Branchenexperten rechnen mit weiteren Verlusten. Zum Vergleich: Die gesamte Braunkohleindustrie, deren Forderungen nach Arbeitsplatzsicherheit regelmäßig große Aufmerksamkeit erlangen, verfügt aktuell über gerade einmal 20.000 Arbeitsplätze.

Das vergangene Jahr bot zudem einen neuen Negativrekord: Innerhalb des gesamten Jahres 2019 wurden lediglich 276 neue Windkraftanlagen an Land errichtet, der Zubau in Deutschland lag insgesamt unter 1.000 Megawatt – wie zuletzt im Jahre 1998. Angesprochen auf die Diskrepanz zwischen Zielsetzung und tatsächlicher Entwicklung verweist manch ein Bundespolitiker gern auf die zahlreichen Klagen deutscher Windkraftgegner. Ein schneller Wandel sei aufgrund fehlender Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung schlichtweg nicht möglich.

Die Mär der deutschen Unbelehrbarkeit

Doch ist es tatsächlich die deutsche Bevölkerung, die Veränderungen vor der eigenen Haustür derart scheut? Die jährliche Akzeptanz-Studie der AEE lässt Gegenteiliges vermuten: Neun von zehn Bundesbürgern halten die stärkere Nutzung und den Ausbau erneuerbarer Energien für sehr oder gar außerordentlich wichtig (Stand: Oktober 2019). Knapp zwei Drittel der Befragten befürworten zudem die Errichtung entsprechender EE-Anlagen in der Nähe des eigenen Wohnortes. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Zustimmungsquote noch einmal erheblich ansteigt, wenn die Befragten bereits über Erfahrungen mit Anlagen in ihrer Nachbarschaft verfügen. Anhand der Studienergebnisse lässt sich resümieren, dass es an grundsätzlichem Willen zur Veränderung nicht mangelt. Vielmehr scheint der – ohnehin sehr hohe – Grad an Akzeptanz in der Bevölkerung unmittelbar mit dem Grad an Erfahrung des Einzelnen zu korrelieren. Persönliche Erfahrungen setzen sich i.d.R. aus zwei Komponenten zusammen: die des Erlebens und die der Erkenntnis. Übertragen auf das Szenario eines Bauvorhabens im Bereich der erneuerbaren Energien lässt sich schlussfolgern, dass sowohl der Aufklärung (persönliche Erkenntnis) als auch der Einbindung (persönliches Erleben) betroffener Anwohner entscheidende Bedeutung zukommt. Beides lässt sich umsetzen durch die vielfältigen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung.

Neue Wege der Bürgerbeteiligung

Das Erfordernis der Aufklärung ist durch unterschiedliche lokale Maßnahmen erfüllbar – etwa im Rahmen einer Bürgerversammlung, mit Hilfe von Informationsbroschüren oder durch öffentliche Expertenanhörungen. Die tatsächliche Einbindung einer Vielzahl von Anwohnern in das Projekt gestaltet sich freilich schwieriger. Zu denken wäre etwa an die Bildung von Arbeitsgruppen oder die Gründung einer Energiegenossenschaft vor Ort. Noch regelmäßig vernachlässigt wird allerdings ein Instrument, das sich nicht nur an sämtliche interessierten Bürgerinnen und Bürger richtet, sondern diese auch am Erfolg des Projektes maßgeblich profitieren lässt: die finanzielle Beteiligung durch Crowdinvesting.

Beim Crowdinvesting beteiligt sich jeder Einzelne nach seinen ganz persönlichen Vorstellungen und Möglichkeiten – doch realisiert wird ein Projekt erst durch das Zusammenwirken vieler. Gemeinsam können so innovative Startups unterstützt, nachhaltige Immobilien finanziert oder die Durchführung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien ermöglicht werden.

Finanzierung des Solarparks Neuhausen über WIWIN

Eine aktuell laufende Crowdinvesting-Kampagne über WIWIN zeigt, wie die bürgernahe Energiewende gelingen kann. Beim geplanten Solarpark Neuhausen handelt es sich um ein Photovoltaikprojekt im Landkreis Tuttlingen in Baden-Württemberg. Die voraussichtlich erzeugte Strommenge der Freiflächenanlage beträgt jährlich etwa 750.000 Kilowattstunden; dies entspricht dem durchschnittlichen Stromverbrauch von rund 200 Haushalten. Über 470.250 Kilogramm CO2 können so eingespart werden – jedes Jahr. Die Besonderheit: Bis zum 18. Juli 2020 können ausschließlich die Bürgerinnen und Bürger aus Neuhausen ob Eck (Postleitzahl: 78579) in den geplanten Solarpark investieren. Im Anschluss ist das Angebot wie gewohnt für alle interessierten Anlegerinnen und Anleger verfügbar. Durch die bevorzugte Behandlung der direkten Anwohner erhalten diese die Möglichkeit, sich privat an der Energiewende vor Ort zu beteiligen. Die gesamte Gemeinde verbessert zudem ihre Klimabilanz, kann auf sauberen Strom zugreifen und profitiert von zusätzlichen Einkünften durch Pachteinnahmen und Gewerbesteuer.

Da bekommt das chinesische Sprichwort „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen“ gar doppelte Bedeutung.

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