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Gleiche Maßstäbe Für Grüne Gründer

Gleiche Maßstäbe für grüne Gründer

Machen sie Gewinn, werden sie schnell als „Heuchler“ verschrien: Dabei sollten gerade grüne Entrepreneure finanziell und gesellschaftlich viel mehr unterstützt werden. Sie sind unsere Zukunft.

Von Matthias Willenbacher

2019 ist DAS Rekordjahr in der deutschen Startup-Geschichte. Noch nie zuvor haben Investoren so viel Geld in aufstrebende Jungunternehmen in der Bundesrepublik gesteckt. Laut dem aktuellen Start-up-Barometer Deutschland der Beratungsgesellschaft EY sammelten die Gründerinnen und Gründer hierzulande insgesamt 6,2 Milliarden Euro ein.

Trotzdem hat das Ergebnis einen bitteren Beigeschmack. Denn: Das meiste Geld stammt nicht von hiesigen Kapitalgebern, sondern von ausländischen Investoren. Vor allem für Startups, die Finanzierungen im mehrstelligen Millionenbereich anstreben, ist es extrem schwierig, inländische Geldquellen als Kooperationspartner zu gewinnen.

Die Gründe hierfür sind vielseitig. Sie reichen von einer unzulänglich ausgestatteten Infrastruktur über eine nur bedingt bestehende gesellschaftliche Akzeptanz mutiger Gründer bis hin zu einem Mangel an Erfolgsgeschichten.

Schlechte Infrastruktur schreckt Investoren ab

Doch der Reihe nach. Deutschland weist zwar ein breit aufgestelltes Beraternetzwerk für Jungunternehmer auf, allerdings haben Gründer zugleich mit der schlecht ausgebauten Infrastruktur hierzulande zu kämpfen. Zu diesem Ergebnis kommt der Global Entrepreneurship Monitor des RKW Kompetenzzentrums und der Universität Hannover, der das Gründungsklima von insgesamt 31 Volkswirtschaften weltweit miteinander vergleicht.

Deutschland liegt hinsichtlich der physischen Infrastruktur sogar nur auf dem 24. Platz. Neben den Verkehrswegen und der IT ist auch die Kommunikationstechnik vergleichsweise schlecht entwickelt. Zudem stehen Jungunternehmern Gewerbeflächen nur begrenzt zur Verfügung. Die fehlende Infrastruktur schreckt auch inländische Investoren ab.

Mindestens ebenso problematisch ist hierzulande das kritische Klima, das mutigen Gründern immer wieder entgegenschlägt. Dem Global Entrepreneurship Monitor zufolge schafft es Deutschland in der Kategorie „Gesellschaftlicher Stellenwert von Eigeninitiative, Kreativität und Risikobereitschaft“ im internationalen Vergleich nur auf den 22. Rang.

Harsche Kritik an grünen Gründern

Besonders Jungunternehmer, die sich einem nachhaltigen und ökologisch wertvollen Geschäftsmodell verschrieben haben, sehen sich oftmals herber Kritik ausgesetzt. Ein Beispiel: Die Gründer von Sirplus, einem Startup, das der Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt hat, pitchten ihre Geschäftsidee im vergangenen Jahr in der Vox-Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“.

Sirplus kauft Supermärkten aussortierte und abgelaufene Lebensmittel ab und bietet diese interessierten Kunden vergünstigt an. Mit Erfolg: Allein 2018 verzeichnete das Jungunternehmen einen Umsatz in Höhe von 1,2 Millionen Euro.

Die Überschüsse aus den Verkäufen stecken die Berliner Gründer ganz bewusst wieder in den Ausbau des Geschäfts. Denn nur so können sie tatsächlich etwas bewirken: Je erfolgreicher Sirplus ist und je mehr Menschen aussortiertes Obst und Gemüse kaufen, desto effektiver kann die Lebensmittelverschwendung hierzulande reduziert – und hoffentlich in absehbarer Zeit gänzlich beseitigt – werden.

Anders bewertet das Geschäftsmodell hingegen der „Löwe“ und Investor Georg Kofler. Er beschimpfte die Sirplus-Gründer Raphael Fellmer und Martin Schott vor laufender Kamera als Heuchler: „Ihr tretet hier an wie die Moralapostel, die die Welt retten, und kommt mit einer Bewertung, die euch als obergierige Kapitalisten erscheinen lässt.“

Nachhaltigen Startups gehört die Zukunft

Koflers Reaktion ist beleidigend und falsch. Er hat nicht verstanden, dass Sirplus das Geld vorrangig nutzen will, um die Welt besser zu machen – was übrigens auch mein Ansatz als Investor ist. Damit vertritt Kofler allerdings eine Haltung, die viele Investoren hierzulande teilen: Sie wollen nur in Startups investieren, aus denen sie größtmöglichen Profit schlagen und damit wiederum neue – oft stupide – Konsumprodukte finanzieren können.

Umgekehrt soll ein nachhaltiges Jungunternehmen wie Sirplus jedoch möglichst pro bono arbeiten und muss sich moralisch messen lassen. Nach dem Motto: „Wer Gewinn erzielt, kann ja gar keine sozialen Absichten verfolgen.“ Vielmehr sollen die grünen Gründer neben ihrem Berufsleben am besten gleich ihr gesamtes Privatleben anhand ökologischer Gesichtspunkte umkrempeln. Also: grünen Strom beziehen, nicht mehr fliegen und sich möglichst auch vegan ernähren.

Tatsächlich leben viele nachhaltig orientierte Jungunternehmer privat ebenso grün. So war beispielsweise Raphael Fellmer bereits viele Jahre vor der Gründung von Sirplus aktiver Lebensmittel-Retter und hat die Foodsharing-Bewegung initiiert. Zudem ist er 2010 in einen über fünf Jahre dauernden Geldstreik getreten, um ein Bewusstsein für die Lebensmittelverschwendung zu schaffen. Heute steht für ihn und viele andere Jung-Entrepreneure fest: Nachhaltigkeit ist mehr als ein Geschäftsmodell – es ist eine Lebenseinstellung. Entsprechend versucht Fellmer, seinen CO2-Abdruck so niedrig wie möglich zu halten, fährt Fahrrad, fliegt nicht und ernährt sich vegan.

Unabhängig von Fellmer stellt sich die Frage: Wer gibt den Kritikern überhaupt das Recht, derart hohe moralische Ansprüche an innovative Gründer zu stellen? Sollten sie sich nicht lieber an die eigene Nase fassen und würdigen, dass unzählige Jungunternehmer hierzulande bestrebt sind, unsere Welt mit ihren nachhaltigen Geschäftsmodellen ein Stückchen besser zu machen? Grüne Gründer sind ambitioniert, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Wenn Kofler und Co nur ein Stück weit sich so verhalten würden wie grüne Gründer, wäre unsere Welt viel schneller enkeltauglich.

Mutig durch die Coronakrise 

Das Klima für Jungunternehmer in Deutschland muss sich dringend ändern. Nur wenn jungen Gründern endlich die Anerkennung entgegengebracht wird, die ihren innovativen und mutigen Geschäftsmodellen gebührt, steigt auch das Interesse seitens der Kapitalgeber, ihr Geld in die Zukunft unserer (Arbeits-)Welt zu investieren.

Wie groß der Mut vieler junger Gründer ist, wird einmal mehr angesichts der Coronakrise deutlich. Unsere Gesellschaft sieht sich derzeit mit enormen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, zu deren Lösung auch Jungunternehmen ihren Beitrag leisten möchten.

So etwa das Hamburger Startup Frischepost: Der Online-Hofladen liefert saisonale und regionale Lebensmittel direkt vor die Haustür – und sorgt gerade in der aktuellen Krisenphase dafür, dass Menschen, die aufgrund des Infektionsrisikos derzeit nicht selbst einkaufen möchten, dennoch weiterhin nachhaltige Produkte beziehen können. So haben sich die Zahl der Besteller nach dem Lock down verfünffacht.  Das Angebot soll künftig auch über die Grenzen Hamburgs hinaus verfügbar sein; so etwa zeitnah im Rhein-Main-Gebiet. Das Jungunternehmen beweist ein enormes soziales Engagement – und verdient größten Respekt.

Erfolgsgeschichten ziehen Investoren an

Auch eine höhere Anzahl an Erfolgsgeschichten mit Vorbildpotenzial würde es den Gründern erheblich erleichtern, Investoren für sich zu gewinnen. Je mehr tech-affine Milliardäre hierzulande bereit sind, ihren Reichtum in Startups zu investieren, desto niedriger wird die Hürde für andere Geldgeber, es ihnen gleichzutun – ein klassischer Schneeballeffekt.

Doch was passiert, sollte sich die Situation für Gründer nicht zum Positiven verändern? Deutschland liefe nicht nur Gefahr, das Potenzial zahlreicher innovativer Unternehmensstarter zu verschenken. Mehr und mehr Startups könnten sich dann auch dazu entscheiden, mit ihren Ideen ins Ausland abzuwandern.

Tatsächlich hegt laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom bereits ein Viertel der deutschen Gründer die Absicht, sich außerhalb Deutschlands niederzulassen. Für ein Land, das sich künftig zur Hightech-Nation mausern will, ist das geradezu ein Skandal.

Matthias Willenbacher ist Gründer der Online-Plattform für nachhaltige Investments www.wiwin.de. Seine Motivation: Bürger stärker an der Nachhaltigkeitswende beteiligen und grünen Startups die Aufmerksamkeit und Finanzierung vermitteln, die ihre Ideen verdienen.

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