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Greiners Finanzkolumne: Wie nachhaltiges Investieren und aktives Fondsmanagement Anleger vor dem Wirecard-Supergau bewahrt haben

Die Geschehnisse rund um den Wirecard-Skandal lassen die betroffenen Anleger fassungslos zurück. Die Insolvenz des DAX-Konzerns hat nicht nur einen massiven finanziellen Schaden für beteiligte Investoren zur Folge – es ist auch zu befürchten, dass die deutsche Aktienkultur insgesamt unter dem Börseneklat leiden wird. Und das ausgerechnet in Zeiten, in denen die Verzinsung für sichere Spareinlagen bei oder nach Inflation gar unter null Prozent liegt und Experten deswegen eigentlich zu Aktieninvestments raten; andernfalls würde die Vermögensdiskrepanz immer größer.

Viele Anleger wissen vermutlich noch gar nicht, dass sie selbst betroffen sind. Da Wirecard im September 2018 in den DAX aufgenommen wurde, werden nun auch all jene Anleger in Mitleidenschaft gezogen, die einen DAX-Indexfonds oder ein DAX-Zertifikat halten. Zwar war Wirecard durch seine verhältnismäßig geringe Börsenkapitalisierung im Index und damit in den ETFs nicht sonderlich hoch gewichtet, doch der Schaden ist allemal spürbar. Der Wirecard-Skandal wirft mithin auch einen Schatten auf die in den letzten Jahren immer beliebter werdende Art des passiven Investierens und ihre prominentesten Vertreter, die börsengehandelten Indexfonds.

Eine Anlegergruppe sollte allerdings von den Auswirkungen der Wirecard-Pleite gänzlich verschont geblieben sein – die Anleger nachhaltiger Aktienfonds. Denn: Ähnlich wie ein Türsteher vor der Disco hätte der Fondsmanager eines solchen nachhaltigen Aktienfonds zu Wirecard gesagt: „Du kommst hier nicht rein!“.

Der Grund ist ebenso simpel wie effektiv. Nachhaltige Aktienfonds müssen alle drei ESG-Kriterien bei der Einzeltitel-Selektion beachten: Environmental, Social, Governance. Wir bei WIWIN haben uns das Unternehmen Wirecard einmal genauer angesehen und auf die genannten Kriterien hin überprüft.

Environmental: Für uns bedeutet das Environmental-Kriterium nicht nur, dass ein Unternehmen nicht besonders umweltschädlich sein darf (etwa aufgrund der Förderung von Kohle oder Atomenergie) sondern vielmehr, dass es in einem Bereich tätig sein muss, in welchem es durch sein Wirken auch tatsächlich einen positiven Beitrag zur Abwendung von Klimawandel und/oder Umweltschädigung leistet (erneuerbare Energien, Recycling etc.). Dies konnten wir bei Wirecard nicht feststellen.

Social: Was bei all den haarsträubenden Neuigkeiten um Wirecard schnell in Vergessenheit gerät, ist die Tatsache, dass das Unternehmen in seinen Anfängen mit der Zahlungsabwicklung von Glücksspiel- und Pornoseiten sein Geld verdiente. Glücksspiel und Pornographie sind für uns bei der Social-Komponente bereits eindeutige Ausschlusskriterien.

Governance: Wirecard hat aus unserer Sicht auch in puncto Governance verschiedene Kriterien verletzt. Zu nennen sind hier etwa die mehrmaligen fundierten Vorwürfe der falschen bzw. irreführenden Bilanzierung durch Analysten, Journalisten und (andere) Börsenteilnehmer. Spätestens seit den Querelen um die KPMG-Sonderprüfung und das Testat für den Jahresabschluss Wirecards waren die Red Flags auch durch den dichtesten Nebel sichtbar.

Das Unternehmen Wirecard erfüllt folglich nicht ein einziges der drei ESG-Kriterien.

Bereits zum Schutze der Anleger sollten ESG-Kriterien nicht nur explizit bei nachhaltigen Fonds, sondern grundsätzlich bei allen aktiv gemanagten Finanzprodukten Anwendung finden. Es bleibt zu hoffen, dass der Fall Wirecard als Weckruf dient, sodass sich alle beteiligten Parteien Ihrer Aufgaben und Pflichten bewusster werden – und der nächste faule Apfel rechtzeitig von der Börse entfernt wird.

Schon aufgrund der aktuellen Nullzinsphase führt an Aktienanlagen kaum ein Weg vorbei. Es wäre fatal, wenn der Wirecard-Skandal das sanft sprießende Pflänzchen der deutschen Aktienkultur im Keim erstickte. Gut, dass nachhaltige Fonds einen Ausweg bieten.

Gunter Greiner

Anmerkung: Dies ist keine Anlageempfehlung! Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und nicht zwangsläufig die Meinung der wiwin GmbH & Co. KG.

Gunter Greiner
Head of Investments & Portfolio Management bei WIWIN

Gunter Greiner leitet das Portfolio-Management bei WIWIN. Er bringt 20 Jahre Investment-Erfahrung bei verschiedenen Fonds- und  Beteiligungsgesellschaften insbesondere im nachhaltigen Bereich mit. Er sitzt zudem in diversen Aufsichts- und Beiräten. Als langjähriger Begleiter der Energiewende kennt sich Gunter Greiner bestens mit wirtschaftlichen Einflussfaktoren nachhaltiger Investments aus.

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